(ots) - Was kann und soll Ethikberatung erreichen? Diese
Frage diskutierte der Deutsche Ethikrat am 21. und 22. September im
Rahmen eines parlamentarischen Abends mit Abgeordneten des Deutschen
Bundestags und in einer öffentlichen Sitzung mit fünf Experten.
Beim parlamentarischen Abend am 21. September würdigten
Bundestagspräsident Norbert Lammert und mehrere Abgeordnete die vom
Ethikrat geleistete Arbeit. Sie nutzten die Gelegenheit, Wünsche über
zukünftige Themen und Formate zu äußern. Der Bundestagspräsident
ermutigte den Ethikrat, insbesondere sich erst am Horizont
abzeichnende Themen früh aufzugreifen und kontrovers aufzuarbeiten.
Die öffentliche Sitzung zum Thema "Ethikberatung und öffentliche
Verantwortung" führte am Folgetag einen Reflexionsprozess des
Ethikrates zu seinem Selbstverständnis als Beratungsgremium für
Politik und Gesellschaft fort, den er zunächst intern nach seiner
Neukonstituierung im April begonnen hatte.
Der Jurist Christoph Möllers erklärte zum Auftakt, der
demokratische Verfassungsstaat ermögliche zwar moralische Argumente,
fordere sie aber nicht ein. Eine plausible institutionelle Funktion
könne der Deutsche Ethikrat vor allem mit solcher Arbeit erfüllen,
die andere Institutionen nicht leisten könnten. Möllers empfahl dem
Gremium eine stärkere Fokussierung auf den engeren Bereich der
Forschung, insbesondere auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften, und
mehr Mut zur Entfaltung kontroverser Positionen.
Der Soziologe Armin Nassehi bezeichnete den Deutschen Ethikrat als
einen "Baustein auf dem Weg einer Gesellschaft, die neue Formen der
Selbstrepräsentation finden muss". Er müsse sich mit der Frage
beschäftigen, "wie unterschiedliche Gründe so gewichtet werden
können, dass man am Ende womöglich gute Gründe für bestimmte Gründe
hat". Gremien wie der Ethikrat eröffneten einen Ort, an dem
Teilnehmer institutionell versuchten, unterschiedliche Perspektiven
als Ausdruck einer komplexen Beziehung zu verstehen und nicht
schlicht die eigenen Interessen gegen die Interessen anderer
durchzusetzen.
Alexander Bogner, Experte für Technikfolgenabschätzung, sah die
Aufgabe des Ethikrates in der Ethisierung biopolitischer
Fragestellungen. Er lobte eine Konfliktkultur, die statt einer
moralisierenden Suche nach den einzig wahren Werten davon ausgeht,
dass es in Wertfragen naturgemäß Dissens gibt. Er warnte aber auch
davor, ethische Grundsatzfragen in diesem Prozess einer stark
pragmatisch orientierten Entscheidungsfindung an den Rand zu drängen.
Eine weitere Herausforderung sei die sinnvolle Einbindung betroffener
gesellschaftlicher Gruppen oder der Öffentlichkeit. Es gelte, den
Vorwurf der Expertokratie zu vermeiden, ohne die Bürger mit
Partizipationsangeboten bei recht abstrakten und komplexen Themen zu
überfordern.
An diesen Punkt knüpfte die Bioethikerin Silke Schicktanz mit
ihrem Beitrag an. Betroffenenrepräsentanz könne in der öffentlichen
Ethikberatung eine Kompetenzerweiterung für das Gremium bedeuten und
eine bessere Ãœbereinstimmung zwischen Entscheidern und Betroffenen
erzielen. Auf diese Weise könne die soziale Akzeptanz von
Lösungsvorschlägen verbessert werden. Insbesondere könne man die
akademische Expertise des Gremiums durch qualitative und diskursive
Verfahren sinnvoll ergänzen und sicherstellen, dass auch andere
wichtige Perspektiven berücksichtigt werden. Dabei gelte es, auf
Pluralität, Transparenz und eine Sensibilisierung für marginalisierte
Gruppen zu achten.
Im letzten Vortrag empfahl der Philosoph Matthias Kettner dem
Deutschen Ethikrat, "die Autorität zu beanspruchen, moralisch
relevantes Wissen zu prüfen, zu verbessern oder gegebenenfalls zu
schaffen - Wissen, das wir in unseren moralischen Urteilen
verwenden." Dafür müsse der Ethikrat verschiedene Wissensarten in
einen Zusammenhang bringen, der in Moralurteilen kulminiere, von
deren Richtigkeit die sie vertretenden Mitglieder überzeugt seien -
"nicht obwohl, sondern weil sie auf kritisierbaren Gründen beruhten."
Das Programm der öffentlichen Sitzung sowie die Vorträge und
Diskussionsbeiträge der Teilnehmer inklusive des Audiomitschnitts
können in Kürze unter http://ots.de/iyKmW abgerufen werden.
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Dr. Nora Schultz
Wissenschaftliche Referentin
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